Lepra lauert noch immer unter uns

Die Mittelalterkrankheit Lepra ist noch nicht ausgerottet. Evelyne Leandro ist 2012 daran erkrankt und erzählt, wie sie die Lepra überstanden hat.
Berner Zeitung  vom 31.10.2016

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Hat die Krankheit überwunden: Evelyne Leandro, hier an der Lepra-Konferenz in Bern, steckte sich vermutlich in ihrer alten Heimat Brasilien an. Bild: Beat Mathys

 

 

 

Eines Tages entdeckte Evelyne Leandro sie plötzlich: ein paar rote Hautflecken am linken Arm und am rechten Knie, warm und geschwollen und seltsam anzufühlen.

Ihrem Arzt schien die Diagnose rasch klar. Borreliose, eine von einem Zeckenbiss ­ausgelöste Infektionskrankheit, heilbar durch eine Antibiotikatherapie. Tatsächlich verschwanden die Flecken für eine Weile. Wenige Wochen später tauchten sie aber wieder auf, wurden immer mehr und begannen zu schmerzen.

Zunächst waren sogar die Hautärzte an der Berliner Spezialklinik überfragt. Bis Leandros Mutter in einem Telefongespräch aus Brasilien die Vermutung aussprach: «Evelyne, vielleicht hast du Lepra?» Die Mediziner schüttelten vehement den Kopf. In Deutschland, im Jahr 2012? Evelyne Leandro, heute 35, lebte ­damals schon seit zwei Jahren in Berlin, sprach fliessend Deutsch und arbeitete als Businessana­lystin – eine moderne, gebildete Frau.

Aus heiterem Himmel

Ein paar Tage später zeigten jedoch die Gewebeproben: Es ist tatsächlich Lepra. Eine Krankheit, die uns in Europa bloss noch aus dem Mittelalter bekannt ist – zusammen mit Pest und Cholera –, und die in der Schweiz seit Anfang des 20. Jahrhundert ausgerottet ist.

Eine Krankheit, die Menschen zu Aussätzigen machte, von der Gesellschaft geächtet und ausgeschlossen. Die Betroffene zwang, Familie und Heim zu verlassen und für den Rest ihres Lebens mit einer Gesichtsmaske und einer Rassel als Warnung für die Gesunden vor den Stadtmauern zu betteln.

Evelyne Leandro blickt ins Leere, trinkt einen Schluck Kaffee und sagt: «Die Diagnose traf mich wie ein Schock aus heiterem Himmel. Unweigerlich hatte ich Bilder von abgefallenen Nasen vor mir – obwohl ich wusste, dass das heute nicht mehr stimmt.»

Fehlende Fingerglieder, Fussstümpfe und von Geschwüren zerfressene Gesichter kommen nur noch in den schwersten, jahrelang unbehandelten Fällen vor. Am meisten belastete die gläu­bige Katholikin der Gedanke, dass die Krankheit in der Bibel als Gottesstrafe genannt wird und sie nicht wusste, womit sie diese verschuldet hatte.

Irritierte Reaktionen

Bis heute hat Leandro keine Ahnung, wann und wo sie sich angesteckt hat. Die Krankheit wird durch den Bazillus Mycobacterium leprae verursacht, und sie bricht manchmal erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten aus. Evelyne Leandro muss sich irgendwann in ihrem ehemaligen Heimatland Brasilien angesteckt haben, obwohl niemand anderes aus ihrer Familie oder ihrem Bekanntenkreis daran erkrankt ist.

Kürzlich hat sie in Bern an der Konferenz der globalen Anti-Lepra-Organisation ILEP über ihren langen Kampf gegen die Krankheit gesprochen. Jährlich treffen sich 80 Experten und Betroffene aus 24 Ländern in verschiedenen Städten, dieses Jahr in Bern, um zu diskutieren, wie die Anti-Lepra-Ziele der Weltgesundheitsorganisation WHO am besten umgesetzt werden können. Diese lauten «dreimal null»: null Übertragung, null Behinderung, null Diskriminierung.

Für Evelyne Leandro sind diese Ziele erreicht: Sie selber war zwar vor Jahren angesteckt worden, aber nach einer Behandlung mit Antibiotika war sie ihrerseits sehr schnell nicht mehr ansteckend. Dank der frühen Entdeckung der Krankheit trägt sie nebst zwei tauben Stellen am Ellenbogen und am Knie keine Behinderungen davon.

Die schlimme Diskriminierung, der andere Betroffene ausgesetzt sind, blieb ihr erspart, weil die Krankheit in Europa nicht mehr den gleichen Schrecken in sich trägt wie in ­armen Ländern Asiens oder Südamerikas. Irritierte Reaktionen erlebte aber auch sie. Und sie ist sehr froh, kann sie heute sagen: «Ich hatte Lepra.»

Der Weg zur Gesundung war ­allerdings lang und schmerzhaft: «Ich musste während anderthalb Jahren teils 30 verschiedene Medikamente täglich schlucken – Antibiotika und Cortison gegen die Lepra, Schmerzmittel gegen die teils fast unerträglichen Schmerzen, Mittel gegen die Abwehrreaktionen des Körpers und dann noch Mittel gegen die Nebenwirkungen der anderen Mittel.»

Optimismus nie verloren

Die psychisch und physisch harte Zeit überstand sie nur mit viel Optimismus. Und indem sie ein Tagebuch führte, das sie später unter dem Titel «Ausgesetzt. Im Kampf gegen eine längst vergessene Krankheit» veröffentlichte. Darin macht sie anderen Betroffenen Mut, und sogar Krebs­patienten hätten sich in ihrer ­Geschichte wiedererkannt, sagt Evelyne Leandro.

Sie selbst sei im Laufe der Krankheit gelassener geworden und habe gelernt loszulassen – als Erstes ihre langen, dichten Locken, die den starken Medikamenten zum Opfer fielen. Sie streicht sich durch die pfiffige Kurzhaarfrisur und sagt: «Heute kann ich sagen, ich habe für mich aus etwas Schlechtem etwas Gutes gemacht.»
(Berner Zeitung)

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